Literatur, Leben und Glauben im Gespräch

Sonntag, 3. Mai 2026 18 Uhr

Unter dem Titel „Solche Sachen machen mich wahnsinnig“ stand der jüngste Apéro-Spirit-Gottesdienst ganz im Zeichen der Literatur. Literatur als selbstständige und freie Kunst ist wichtig – nicht nur als heimlich religiöses Thema, sondern als Erfahrungsraum, der Menschen verbindet.

Quelle: Ev. Kirche Bad-Säckingen Team

Von links nach rechts Pfr. Ulrichs, Fr. Angelika Siebrands, Hr. Julius Berchtold

Quelle: Ev. Kirche Bad-Säckingen Team

Im Mittelpunkt stand J.D. Salingers Roman „Der Fänger im Roggen“, der auch 75 Jahre nach seinem Erscheinen in den USA nichts von seiner Aktualität verloren hat. Dabei wurde schnell klar, dass es nicht um eine klassische Auslegung ging. Vielmehr sollte die Literatur selbst zu Wort kommen – offen, ehrlich und widersprüchlich. Die Teilnehmenden waren eingeladen, sich auf die Gedankenwelt des Romans einzulassen und ins Gespräch zu kommen: miteinander, mit dem Text und mit den großen Fragen des Lebens.

Quelle: Ev. Kirche Bad-Säckingen Team

 
Durch den Abend führte und moderierte Pfarrer Hans-Georg Ulrichs, der gemeinsam mit verschiedenen Gästen unterschiedliche Perspektiven eröffnete. Besonders beeindruckend war die Präsentation der Buchhändlerin Angelika Siebrands, die als Gast Einblicke in ihre Arbeit gab. Sie erinnerte daran, dass der Roman in den 1950er-Jahren erschien – einer Zeit, in der es den Begriff „Jugendliche“ in der heutigen Form noch kaum gab. Im Zentrum stehe auch die Frage nach dem Schutz der Kindheit und dem Übergang ins Erwachsenwerden. Ein Blick auf den Autor zeigte, wie stark persönliche Erfahrungen sein Schreiben geprägt haben. Seine schwierige Kindheit und die traumatischen Erlebnisse des Zweiten Weltkriegs spiegeln sich in der inneren Zerrissenheit seiner Figuren wider. Gleichzeitig habe sich der Autor selbst oft aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und seine Werke für sich sprechen lassen.
 

Quelle: Ev. Kirche Bad-Säckingen Team

Im Zentrum des Abends stand die Figur Holden Caulfield: ein Jugendlicher auf der Suche nach Orientierung. Seine Zweifel, seine Kritik an der Welt und sein Wunsch nach Echtheit wirkten auf die Anwesenden bis heute vertraut. Ein Gast aus dem Publikum bemerkte ein-drücklich, Holden habe während der erzählten drei Tage immer wieder den Wunsch ver-spürt, nach Hause zurückzukehren und sei schließlich auch tatsächlich dorthin gegan-gen. Eine Szene, in der er seine jüngere Schwester beim Schlafen beobachtet, wurde als besonders berührend hervorgehoben. Zugleich wurde angemerkt, dass „Zuhause“ für ihn nie wirklich ein Ort der Geborgenheit gewesen sei, wie die Buchhändlerin Angelika Sie-brands betonte.
Auch weitere Perspektiven bereicherten das Gespräch: Julius Berchtold, ein Jurastudent, der sein Abitur vor zwei Jahren abgeschlossen hat und sich politisch als Aktivist engagiert, brachte seine Sicht auf Freiheit und gesellschaftliche Verantwortung ein. Pfarrer Ulrichs interpretierte den Roman vor allem als Bewegung hin zu Freiheit – als Versuch, aus fest-gefahrenen Bahnen auszubrechen. Die Buchhändlerin ergänzte diesen Gedanken, indem sie die Kinder im Roman sinnbildlich als neue Generation verstand, die ihren eigenen Weg sucht.

Quelle: Ev. Kirche Bad-Säckingen Team

 
Ein kreativer Impuls setzte ein fiktiver, nämlich von KI generierter Brief aus der Perspektive Holdens, der den Bogen in unsere heutige Zeit schlug. Zwischen Digitalisierung und Schnelllebigkeit wurde die Frage aufgeworfen, wie echte Begegnung und menschliche Nähe gelingen können.
Musikalisch wurde der Abend stimmungsvoll mit bekannten Liedern aus den USA der 50er und 60er Jahre begleitet und fand seinen Abschluss in einem gemeinsamen Aus-klang beim Apéro. Ein letztes Lied – „Teach Your Children“ – griff die zentrale Thematik nochmals auf: die Frage, wie Generationen miteinander umgehen und wie Verantwor-tung, Erziehung und Weitergabe von Erfahrungen gestaltet werden. Dabei klang auch der Gedanke an, dass Holden selbst den Wunsch hegte, Kinder zu beschützen und zu „erzie-hen“ im Sinne einer bewahrenden Haltung.
 
Im Anschluss fand im Gemeindehaus ein Apéro statt, bei dem in geselliger Atmosphäre vielfältige, delikate Speisen und Getränke angeboten wurden. Der Abend klang in offener Runde aus – mit Gesprächen, neuen Gedanken und der Einladung, weiterzudenken.
Ein besonderer Dank gilt allen Mitwirkenden, die für eine einladende Atmosphäre beim Apéro sorgten.
AKM
 
 
 

Quelle: Ev. Kirche Bad-Säckingen Team