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Quelle: Ev. Kirche Wehr

Offener Abend 5.3.2015 mit Lucia Engombe

Gut besuchter Abend im Gemeindesaal in Öflingen

Was machen 6 halbverhungerte Kinder mit einer Maus? Sie fangen sie, töten sie, nehmen sie aus und grillen sie. Dann teilen sie das bisschen Mäusefleisch durch 6. Natürlich können sie davon nicht satt werden. Sie versuchen das Gleiche mit Raupen und Käfern, auch davon werden sie nicht satt, sie werden nie satt!

Das spielte sich zwischen 1975 und 78 in einem Flüchtlingslager in Angola ab. Lucia war dabei, sie war gerade 2 Jahre alt, als ihre Familie vom Ovamboland in Namibia nach Angola fliehen musste.
Und nun sitzt diese Lucia Engombe bei unserem Offenen Abend im Gemeindesaal der evang. Kirche und erzählt von ihrem abenteuerlichen Schicksal. Die Vorankündigung hat über 50 Zuhörer angelockt, die fasziniert zuhören.
Ein SWAPO-Flüchtlingslager mitten im Urwald, geprägt von Hunger und Angst, das war Lucias Welt. (Die SWAPO wurde 1960 in Namibia gegründet als marxistische Befreiungsorganisation gegen die südafrikanische Besatzung und deren Arpartheid-Politik). Lucias Vater, von Beruf Lehrer, gehörte eigentlich zur Führungsriege der SWAPO. Nach interner Kritik am Vorsitzenden landete er aber in der Verbannung und im Gefängnis. Die Mutter, eigentlich Krankenschwester, lebte unter schwierigsten Bedingungen im Lager mit ihren 4 Kindern. Sie geriet auch ins Lagergefängnis und musste für Wochen ihre Kinder allein lassen. Mit 7 Jahren wurde Lucia gemeinsam mit anderen Ovambo-Kindern in die damalige DDR geflogen, die sich bereit erklärt hatte einige hundert Kinder aufzunehmen, solange der Bürgerkrieg anhielt. Zunächst war Lucia begeistert, ohne zu ahnen, was sie dort erwartete. 11 Jahre lebten die Kinder in der DDR, um dort als zukünftige Elite der SWAPO ausgebildet zu werden.
Die DDR bot ein kleines Paradies für die Kinder: Sie wohnten in einem ehemaligen Schloss, bekamen gutes Essen und Kleidung, Unterricht und Freizeitbeschäftigung. Die allerdings bestand zum großen Teil aus paramilitärischer Schulung von „Teacher Jonas“. Doch die Mama war zu weit weg! Obwohl manche (nicht alle) Erzieherinnen liebevoll mit ihren Schützlingen umgingen, hatten viele Kinder Heimweh! Auch musste das Zusammenleben in einer großen Gemeinschaft erst gelernt werden: Am Anfang z.B. nahmen die Größeren den Kleinen einfach das Essen weg. .. Jedes Kind hatte nun ein eigenes Bett, was ebenfalls ungewohnt war, schließlich mussten sich die Kinder in Afrika ein Bett oder Matratze mit anderen teilen. So ganz alleine fühlten sie sich einsam, und so manches Bett war morgens nass. Sobald Flugzeuge zu hören waren, saßen alle Kinder sofort unter den Tischen und zitterten vor Angst! Die Angst begleitete sie noch lange Zeit. Als Lucia größer wurde, freute sie sich darauf, Abitur zu machen und eine Ausbildung, wie es allen versprochen war. Leider kam es nicht mehr dazu.
Als 1989 die Mauer fiel und auch Namibia die Unabhängigkeit gewann, fehlten in der DDR plötzlich die Finanzen, um das Projekt weiterzuführen. So wurden die inzwischen Jugendlichen – und deutsch Gewordenen – plötzlich nach Afrika ins Ovamboland zurückgeschickt. Dort Fuß zu fassen, fiel unendlich schwer, denn es war eine Heimkehr in die Fremde! Nach einer langen Odyssee durch Namibia gelang es Lucia endlich, in einer deutschen Schule Abitur zu machen. Dabei durfte sie die Wochenenden und Ferien bei deutschen Pateneltern auf einer Farm verbringen. Dort fühlte sie sich endlich wohl und verstanden.
Inzwischen lebt Lucia in Windhoek und ist dort als Journalistin für den deutschsprachigen Kirchenfunk in Namibia verantwortlich. Auf unsere Frage, woher sie die Kraft hatte, diese Kulturwechsel auszuhalten, antwortete sie: „Gott hat mir immer die Kraft gegeben“, und als abschließenden Appell an die Zuhörer: „Mein Flüchtlingsschicksal steht exemplarisch für viele Flüchtlinge, auch für die, die heute nach Deutschland kommen!“ „Um eines bitte ich jedenfalls sehr (wenn Ihr schon nicht mehr tun könnt) grüßt sie jedenfalls freundlich!“ (G.Kesper)

Wer mehr wissen möchte, kann in Lucias Buch nachlesen: Lucia Engombe: Kind Nr.95, meine deutsch-afrikanische Odyssee,(Ullsteinverlag, 10 €)