Wie die "Evangelischen" nach Wehr kamen

Vortrag von Dr. R. Valenta am 25.4. mit Bericht

Auf Initiative des Frauenkreises hat Herr Dr. Reinhard Valenta am Dienstag, 25 April 2023, 14.30 Uhr im Gemeindesaal einen bebilderten Vortrag über frühes evangelisches Leben gehalten. 
Bis zur Industrialisierung konnte man die evangelischen Christen im Wehratal an einer Hand abzählen. Mit Gründung der Herosé begann seit 1839 die Zuwanderung evangelischer Fachkräfte aus der Schweiz. Wenig später beschleunigte sich durch die evangelischen Fabrikanten Baumgartner, Lenz und Rupp der Zuzug.

Begrüßung
Fast 40 Personen waren der Einladung gefolgt. Tina Hasenbrink begrüßte die Gäste und dankte Dr. Valenta für die Bereitschaft, im Frauenkreis einen Vortrag zu halten. Es waren auch über den Frauenkreis hinaus auch einige Interessierte erschienen.
Methode
Dr. Valenta berichtete, dass er für die geplante Chronik über das vordere Wehratal bereits viele intensive Interviews mit Menschen von hier geführt hat, dabei viele Fotos und Fotoalben erhielt. Dazu betrieb er intensive Studien der Kirchenbücher aus der Gegend. In die Kirchenbücher trugen die katholischen Pfarrverweser, die in Wehr auch die heutige Funktion des Standesbeamten hatten, das evangelische oder protestantische Bekenntnis als "Ausnahme-Tatbestand" ein. Ebenso griff er auf die Ergebnisse von Volkszählungen zurück. Mit etwa 60 Fotos untermalte er seinen frei gehaltenen Vortrag.
Vor 1840
Vor 1840 gab es in Öflingen keinen Evangelischen, in Wehr nur eine Handvoll. Gern gesehen waren sie nicht, eine Ansiedlung war für sie schwer.
Aber Spezialisten z. B. im Hammerwerk ließen sich nicht so leicht in katholischen Gegenden finden, in der Nachbarschaft, in Hausen oder Hasel schon. Man brauchte kräftige und erfahrene Männer.
1819 verkaufte Philipp Merian, der aus Basel stammte, das Eisenwerk an den Badischen Staat, die Hüttenverwalter des Eisenwerks hatten damit den Charakter von "Staatsbeamten", standen gesellschaftlich und von ihrem Einfluss auf gleicher Stufe wie der Freiherr von Schönau als Grundherr. Die leitenden Angestellten, die Spezialisten waren in der Regel evangelisch. Ihre Kinder wurden häufig nicht in den katholischen Kirchen getauft, die Taufen mussten aber vom katholischen Pfarrverweser in Kirchenbuch in Wehr bzw. Öflingen eingetragen werden.
Ehen der zugezogenen evangelischen Männer mit einheimischen Frauen galten als "Mischehen" und wurden nicht gern gesehen, waren in bestimmten Fällen erst nach dem Tod des Vaters möglich.
Textilindustrie in Öflingen und Wehr
Die Einrichtung des Deutschen Zollvereins bedeutete z.B. für Produzenten aus der Schweiz eine Verteuerung ihrer Produkte, da auf Einfuhren Zölle erhoben wurden. Friedrich Herosé aus Aarau ergriff die Initiative, und gründete eine Baumwollstoffdruckerei. Es waren viele Widerstände der einheimischen Bauern zu überwinden, da ihm zu hoher Wasserverbrauch unterstellt wurde. Die nötigen Spezialisten fand er in seiner schweizer Heimat.
Nach Herosé gründeten protestantische Unternehmer wie Burghardt, Rupp und Lenz Firmen, die viele Arbeitsplätze schufen und auch Spezialisten benötigten - viele aus dem Bereich der Textil-Arbeit. Damit wuchs etwa ab 1870 die Zahl der Evangelischen in Wehr und Öflingen jedes Jahr.
Als seit 1883 viele evangelische Weber aus Oberfranken angeworben wurden, stieg die Zahl der „Evangelischen“ rapide an. Der Bau der (ersten evangelischen) Kirche von 1891 war das Resultat. Anhand von Kirchenbüchern und historischen Fotografien spricht Dr. Valenta über diese Zuwanderung, die auch wirtschaftlichen Aufschwung mit sich brachte.
Valenta berichtete darüber, dass bürgerliche Vereine wie die Lesegesellschaft, der Liederkranz oder der Turnverein viel zur Integration beitrugen. Man kannte und begegnete sich, man lebte oft miteinander, nicht nur nebeneinander her.
Nach dem mehr als einstündigen Vortrag wurde das Angebot von Kaffee und Kuchen gerne genutzt mit der Möglichkeit zu weitergehenden Gesprächen.
Einen hervorragenden Bericht können Sie in der Badischen Zeitung von Michael Gottstein lesen, hier klicken.
  
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